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6TG8/2

10.07.2020

... mit der 6TG8.2 im SJ 2019/2020

Im Schuljahr 2019/20 verwandelten sich die 27 Schülerinnen und Schüler der achten Klasse des Technischen Gymnasiums (6TG8.2) im Fach Bildende Kunst unter Esther Pollakowski zu Architekturmodellbauern. In Kleingruppen galt es, eine Architektur eigener Wahl anhand des Originalbauwerks sowie dessen Grund- und Aufriss nachzubilden. Damit traten die Schülerinnen und Schüler in die Fußstapfen großer Architekten und in das Medium des Architekturmodellbaus ein, das in der Frührenaissance seinen Anfang nahm. Eines der wohl berühmtesten und frühesten Architekturmodelle geht auf den italienischen Architekten Filippo Brunelleschi zu Beginn des 15. Jahrhunderts zurück. In einem Wettbewerb für den Bau der Kuppel des Florentiner Doms, der der größte Kuppelbau ohne tragendes Gerüst seit der Antike werden sollte, gab der Italiener 1417 auf der Basis seiner Entwurfszeichnungen bei einem Schreiner das Modell in Auftrag. Ein Holzmodell dieser Kuppel haben die Schülerinnen und Schüler in der gemeinsamen Betrachtung der Geschichte des Architekturmodells kennengelernt.

Das Architekturmodell hat in seiner traditionellen Funktion im Entwurfsprozess von der Idee und Zeichnung über das Modell zum fertigen Bauwerk seinen festen Platz. Die Schülerinnen und Schüler gingen den umgekehrten Weg: Nach dem Erfassen des bestehenden Bauwerks in seinen Form- und Funktionszusammenhängen, in seinen historischen oder zeitgenössischen Stilmerkmalen sowie in seinem Grund- und Aufriss investierten die Architektinnen und Architekten der achten Klasse in ihr dreidimensionales, im Maßstab verkleinertes Modell bis zu 150 Arbeitsstunden. Die zeichnerische und vor allem gestalterische Auseinandersetzung mit architektonischen Werken und die anschließende Präsentation der eigenen Modelle und der Vorbildarchitektur ergab im Zusammenklang der insgesamt zehn entstandenen Modelle eine gemeinsam im Klassenzimmer erlebbare Architekturgeschichte, die einen Zeitraum von rund 2700 Jahren abdeckt und Einblicke in Bauwerke in Asien, den USA und Europa ermöglichte.

Die Reise beginnt auf der ca. 700 v. Chr. entstanden Chinesischen Mauer (s. Abb. 1), deren Zinnenkranz in unserem Kulturkreis ein typisches Formmerkmal mittelalterlicher Wehrbauten ist. Von Asien geht es weiter in die USA: An der Westküste werden wir willkommen geheißen von der am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Freiheitsstatue. Das Original, deren Oberfläche aus Kupfer besteht, fand seine kreative Materialinterpretation in einer Barbiepuppe, die mit grünem Lack besprüht wurde, der die Farbigkeit der Kupferpatina nachempfindet. Nur noch auf Fotos, in Filmen oder im Kunstraum der achten Klasse als Modell zu finden präsentierten drei Schüler die 1973 begonnenen Twin Towers des ehemaligen World Trade Centers. Einmal über den Kontinent nach Las Vergas geflogen begegnet uns dort das High Class Hotel Bellagio (s. Abb. 2), dessen Fassadengliederung durch die zahlreichen Fenster als architektonisch tragendes Stilmerkmal erfasst und in präziser Detailarbeit ausgeführt wurde. Vor allem die nächtliche Aufnahme des Hotelmodells verstärkt den Luxuscharakter des Baus. Die letzte Station in den USA führt zu einer zeitlos scheinenden Modernen Villa (s. Abb. 3), der in ihren klaren Baumformen ebenso auf einem anderen Teil der Erde begegnet werden kann. In ihr scheinen Ideen durch, die im 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründeten Staatlichen Bauhaus geformt wurden und bis in unsere heutige Gegenwart Wirkung zeigen. In den nur 14 Jahren seines Bestehens – 1933 erfolgte die Zwangsschließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten – postulierte das Bauhaus architektonische Konzepte der Vereinfachung der Formensprache, die weg vom Historismus hin zur modernen, klaren, funktionalen Form der Gebäude führten.

Angekommen in Europa führt die architektonische Reise über Norwegen, wo das 1931 entstandene Rathaus in Oslo zu bewundern ist, nach Deutschland. Über drei Brücken, die Weiße Brücke in Tönning (s. Abb. 4), eine Bogenbrücke in Wetzlar und die Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz (s. Abb. 5) kommen wir an der Endstation und am neuesten Bauwerk an, der zwischen 2011 und 2015 erbauten neuen Universitätsbibliothek in Freiburg (s. Abb. 6), die nur rund zehn Gehminuten von der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule entfernt ist, in deren Kunstraum die Ideen zu diesen Modellen ihren Anfang nahmen.

In einer gemeinsamen Betrachtung der Modelle wurden ausgehend von den gebauten Architekturen historische Bau- und Raumformen ebenso reflektiert wie Stilelemente moderner Bauten und zeitgenössischer Architektur. Anhand der Basteibrücke konnte der Bautyp der Bogenbrücke als Bauelement thematisiert werden, das zwar schon zur Erbauungszeit der Chinesischen Mauer zu finden ist, in unserer Kultur aber fundamental mit der Bauweise der antiken Römer verbunden ist. Am berühmtesten unter ihnen ist wohl die im 2. Jahrhundert erbaute Engelsbrücke in Rom. Während bei der Basteibrücke die Materialität des Steins inmitten einer Felsenlandschaft in Gips und graue Farbe übersetzt wurde, sind die Modellbauer der Weißen Brücke in Tönning dem Holz des Originals treu geblieben. Die Schüler haben sich von einem Ingenieurbüro in Tönning die Grund- und Aufrisse der Brücke zuschicken lassen. Auf dieser Basis bauten sie mit der Hilfe einer Schreinerei die Brücke im exakten Maßstab 1:20 nach. Zu einer Meisterleistung zählen neben der exakten, sehr zeitintensiven Arbeitsweise sicherlich auch der Klapp- bzw. Hebemechanismus, der der originalen Klappbrücke nachempfunden ist.

Die Modellbauer der Unibibliothek nutzten die Möglichkeit der Vorortbegehung, die durch Internetrecherchen, Skizzen und Pläne ergänzt wurde. Aus der Glas- und Chromstahlfassade des Originalbaus wurde im Modell transparente Folie über anthrazitfarbenem Schaumstoff. Mit hoher Genauigkeit ist es den Modellbauarchitekten gelungen, die Schwierigkeit der schrägen Wände und Fassadenkanten zu meistern. Zudem erlaubt das Modell dem Betrachtenden etwas, was das Original nicht bieten kann: Gleichzeitig zu sehen sind die Fassade, die die Freiburger Umgebung spiegelt, und die auf dem Dach angebrachte Photovoltaikanlage, die rund 10% des Eigenstrombedarfs erbringt.

Ein Dank gilt jeder Schülerin und jedem Schüler der 6TG8.2; denn nur gemeinsam ist dieser Spaziergang durch die selbst gestaltete Architekturgeschichte anhand ihrer Modelle, ihrer Arbeit, ihrer Ideen, ihrer Geduld, ihrer Kreativität und ihres Teamgeistes ermöglicht worden.

(Autorin: Esther Pollakowski)

 

 

Abbildung 1:

Paul Braun, Linus Bürmann und Laurence Burgert, Modell der Chinesischen Mauer, 2019

 

Abbildung 2:

Jonas Baumer und Benjamin Oertel, Modell des Bellagio Hotels , 2019

 

Abbildung 3:

Cihan Ciro und Simon Wegner, Modell einer Modernen Villa, 2019

 

Abbildung 4:

Julian Leimgruber, Fynn Linser und Tim Humburger, Modell der Weißen Brücke in Tönning, 2019

 

Abbildung 5:

Lea Gerspacher, Kim Maßmann und Emine Cin, Modell der Basteibrücke, 2019

 

 

 

Abbildung 6:

Philipp Hofmann und Dominik Ehret, Modell der Universitätsbibliothek Freiburg, 2019